Wie wird das Leben im Liegnitzquartier wahrgenommen? Welche Herausforderungen beschäftigen die Menschen vor Ort und welche Ideen gibt es für ein gutes Zusammenleben? Antworten auf diese Fragen lieferten Studierende der Hochschule Bremen (HSB), die gestern die Ergebnisse ihrer aktivierenden Befragung im Liegnitzquartier vorgestellt haben.
Die Befragung fand zwischen Mai und Juni 2026 statt. In insgesamt 147 persönlichen Gesprächen mit Bewohner:innen aus acht Straßen wurden Anliegen, Wünsche und Einschätzungen zum Leben im Quartier gesammelt. Dabei zeigte sich ein vielschichtiges Bild: Viele Menschen fühlen sich ihrem Wohnumfeld verbunden und schätzen die kulturelle Vielfalt, die bestehenden Nachbarschaften sowie die gute Erreichbarkeit von Einkaufsmöglichkeiten und öffentlichen Verkehrsmitteln. Gleichzeitig wurden Herausforderungen benannt, die den Alltag vieler Bewohner:innen prägen.
Besonders häufig wurden Themen rund um Sauberkeit und Müll angesprochen. Überfüllte Mülltonnen, Abfall im öffentlichen Raum und teilweise auch Rattenbefall wurden als Belastung empfunden. Auch das Thema Wohnen spielte eine wichtige Rolle. Bewohner:innen berichteten von mangelnder Instandhaltung von Gebäuden, Leerständen und Schwierigkeiten im Kontakt mit Vermieter:innen. Darüber hinaus wurden Unsicherheitsgefühle im öffentlichen Raum, insbesondere am Abend, sowie Probleme durch Verkehr und Drogenhandel angesprochen.
Ein weiteres zentrales Ergebnis war, dass viele Menschen bestehende Angebote und Unterstützungsstrukturen im Quartier gar nicht kennen. Sprachliche Hürden erschweren den Zugang zusätzlich. Gleichzeitig äußerten viele Befragte den Wunsch nach mehr Begegnungsmöglichkeiten, besseren Informationswegen, Deutschkursen, Sprachcafés und Übersetzungsangeboten. Die Ergebnisse zeigen damit nicht nur konkrete Herausforderungen, sondern auch den Wunsch vieler Bewohner:innen, sich einzubringen und das Zusammenleben im Quartier aktiv mitzugestalten.
Zur Vorstellung der Ergebnisse kamen rund 29 Personen zusammen: Nachbar:innen, Vertreter:innen verschiedener Einrichtungen und Institutionen sowie die beteiligten Studierenden. Im Anschluss entwickelte sich eine lebhafte und konstruktive Diskussion.
Zunächst stand die Befragung selbst im Mittelpunkt. Kritisch wurde angemerkt, dass Informationsmaterialien teilweise nicht mehrsprachig gestaltet waren und dadurch nicht alle Bewohner:innen gleichermaßen erreicht werden konnten. Außerdem wurde die Frage aufgeworfen, ob weitere Befragungen sinnvoll seien, wenn viele Menschen den Eindruck haben, dass aus bisherigen Erhebungen nur selten konkrete Veränderungen entstehen. Mehrere Teilnehmende äußerten dabei deutlichen Unmut darüber, dass im Quartier bereits zahlreiche Befragungen stattgefunden haben, ohne dass für sie ausreichend sichtbare Veränderungen daraus entstanden seien. Entsprechend wurde kritisch hinterfragt, welchen konkreten Nutzen die aktuelle Befragung für die Bewohner:innen haben wird.
Die Studierenden hatten diese Frage für sich selbst bereits reflektiert. Stefan Kunold, Lehrbeauftragter an der Hochschule Bremen, griff den Punkt in der Diskussion auf und betonte, dass solche Befragungen nur dann durchgeführt werden, wenn es vor Ort Akteur:innen gibt, die bereit sind, die Ergebnisse aufzunehmen und daraus konkrete Handlungsschritte zu entwickeln. Im Fall des Liegnitzquartiers begleitet Kultur Vor Ort diesen Prozess und möchte die Erkenntnisse in die weitere Quartiersarbeit einfließen lassen.
Ein Ergebnis fand bei vielen Anwesenden besondere Zustimmung: Im Quartier gibt es bereits zahlreiche Angebote und Unterstützungsmöglichkeiten. Häufig sind diese jedoch nicht ausreichend bekannt. Viele Menschen erfahren erst über persönliche Kontakte von bestehenden Möglichkeiten. Sprachliche Hürden können den Zugang zusätzlich erschweren.
Aus dieser Diskussion entstand eine konkrete Idee: Statt ausschließlich auf große Nachbarschaftsfeste zu setzen, könnten regelmäßig gemeinsame Abendbrote im öffentlichen Raum stattfinden, jeweils in einzelnen Straßen des Quartiers. Essen bringt Menschen zusammen und schafft unkomplizierte Begegnungsmöglichkeiten. Daraus könnten neue Nachbarschaftsnetzwerke, Patenschaften und Unterstützungsstrukturen entstehen. Menschen würden sich gegenseitig kennenlernen, helfen und bei Bedarf auch auf bestehende Beratungs- und Unterstützungsangebote aufmerksam machen.
Deutlich wurde außerdem, wie vielfältig das Liegnitzquartier ist. Neben alteingesessenen Gröpelinger:innen leben hier viele Menschen, die erst seit kurzer Zeit im Stadtteil oder in Deutschland sind. Einige bleiben nur für einen begrenzten Zeitraum, andere haben ganz unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse an ihren Lebensort. Stefan Kunold unterstrich in diesem Zusammenhang, dass diese unterschiedlichen Lebensrealitäten das Quartier prägen. Sie können bereichernd sein, aber auch zu Missverständnissen und Konflikten führen.
Gerade deshalb waren sich viele Teilnehmende einig: Kommunikation, Begegnung und das gegenseitige Kennenlernen sind zentrale Voraussetzungen für ein gutes Zusammenleben im Liegnitzquartier. Die Vorstellung der Ergebnisse war damit nicht nur ein Rückblick auf die Befragung, sondern auch ein Auftakt für die gemeinsame Frage, wie aus den Erkenntnissen konkrete Schritte für das Quartier entwickelt werden können.
Zum Schluss möchten wir Danke sagen: an die Studierenden der Hochschule Bremen, an Prof. Dr. Annette Harth und Stefan Kunold für ihre engagierte Begleitung des Projekts und vor allem an die vielen Nachbar:innen, die ihre Zeit, ihre Gedanken und ihre Erfahrungen eingebracht haben. Die große Beteiligung und die offene Diskussion haben gezeigt, wie viel Interesse daran besteht, das Leben im Liegnitzquartier gemeinsam zu gestalten.
In Kopperation mit: Hochschule Bremen
Gefördert von: Die Senatorin für Arbeit, Soziales, Jugend und Integration und das Programm Wohnen in Nachbarschaften (WiN)

