Infonachmittag: Die unsichtbare Arbeit der Bulgar:innen in Bremen

19. Juni 2026

Es ist Montagnachmittag im LiegnitzTreff. Normalerweise findet hier das NachbarschaftsCafé statt. Frauen sitzen drinnen und draußen, unterhalten sich bei Kaffee und Tee. Kinder spielen vor der Tür, laufen hinein und hinaus, lachen und toben. Es ist laut, bunt und lebendig.

An diesem Montag ist die Stimmung jedoch ganzanders. Die Kinder spielen leiser als sonst, rund 15 Erwachsene sitzen aufmerksam um den großen Tisch in der Mitte und lauschen einem Vortrag. Denn das Thema ist ernst: Arbeitsrecht.

Im Rahmen der Landeswochen für Vielfalt und Teilhabe organisierte die Koordinierungsstelle Osteuropa einen Nachmittag zum Thema Arbeit und Arbeitnehmerrechte. Zu Gast war Eliza Vladimirova von MoBA. MoBA Beratung – Bremer und Bremerhavener Beratungsstelle für mobile Beschäftigte und Opfer von Arbeitsausbeutung

Laut offizieller Statistik leben rund 6.500 Bulgar:innen in Bremen. Viele von ihnen arbeiten in der Reinigung, im Transportwesen oder auf dem Bau. Es sind Berufe, die für das Funktionieren unserer Gesellschaft unverzichtbar sind und dennoch oft unsichtbar bleiben. Wir alle freuen uns über pünktlich zugestellte Pakete, saubere Büros und funktionierende Abläufe. Doch selten fragen wir uns, wer diese Arbeit leistet – früh am Morgen, spät am Abend, nachts oder am Wochenende.

Gerade in diesen Branchen treten jedoch immer wieder arbeitsrechtliche Probleme auf. Befristete Beschäftigung, Leiharbeit, verspätete Lohnzahlungen, nicht gewährter Urlaub oder Kündigungen im Krankheitsfall gehören zu den Problemen, die viele Bulgar:innen kennen. „Vieles bewegt sich im Graubereich des Arbeitsrechts,“ erklärt Eliza Vladimirova „deswegen sollen Sie Ihre Rechte kennen und bei Bedarf Hilfe holen.“ Fachlich, verständlich und praxisnah erklärte die Referentin wichtige Grundlagen des Arbeitsrechts, beantwortete Fragen und machte auf typische Stolperfallen aufmerksam.

Gemeinsam mit ihren Kolleg:innen berät sie Menschen, die von Arbeitsrechtsverletzungen oder sogar Arbeitsausbeutung betroffen sind. Mehr als 800 Personen haben die Berater in den vergangenen drei Jahren unterstützt – viele von ihnen stammen aus Bulgarien, Rumänien oder Polen.

Nach dem Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Einige der wichtigen Fragen bezogen sich auf den Kündigungsschutz und Kündigungsfristen. Darf ich während einer Krankheit gekündigt werden? Muss ich den Arbeitgeber über eine Schwangerschaft informieren? Muss ich weiterhin zur Arbeit, wenn ich eine Kündigung erhalten habe? Die Teilnehmenden tauschten ihre Erfahrungen aus und holten sich Rat von der Referentin. Diese betonte, wie wichtig das Aufbewahren aller Dokumente einschließlich der Briefumschläge mit Poststempeln ist. Sollte ein Rechtsstreit entstehen, benötigt das Gericht entsprechende Nachweise.

Es entstand ein Raum der gegenseitigen Unterstützung: Die Anwesenden bestärkten sich und gaben einander praktische Tipps. So wurde aus einem Infonachmittag auch ein Ort der Begegnung und der Solidarität.

Zum Abschluss trug Donka Dimova das Gedicht „Mein Name ist Ausländer“ von Semra Ertan vor. Diese Worte machten deutlich, wie wichtig es ist, Menschen zuzuhören, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen und sie in ihren Rechten zu stärken.

Für eine gemütliche Atmosphäre während des Nachmittags sorgte Silvia Maliki vom LiegnitzCafé mit Kaffee, Tee und bulgarischen Leckereien. Danke!

Der Infonachmittag fand am 1.6.26 statt und ist Teil der Arbeit der Koordinierungsstelle Osteuropa von Kultur Vor Ort. Sie berät Menschen aus Ost-, Ostmittel- und Südeuropa bei sozialen Fragen, unterstützt bei Behördenangelegenheiten, Bildung und Arbeit und vermittelt bei Bedarf an weitere Fachstellen. Darüber hinaus macht sie die Lebensrealitäten osteuropäischer Communities sichtbar und setzt sich für mehr soziale Teilhabe und Chancengerechtigkeit ein. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und mehrsprachig – immer dienstags 12 bis 14 Uhr und donnerstags 10 bis 12 Uhr in NachbarschaftstTreff in der Liegnitzstraße 43.